Cannabigerol (CBG) – der Vorläufer, aus dem die anderen Cannabinoide entstehen

Cannabigerol trägt den Beinamen Mutter-Cannabinoid, und ausnahmsweise ist ein solcher Beiname sachlich zutreffend. Aus seiner Säureform gehen die Vorstufen von THC, CBD und CBC hervor, sie ist der Verzweigungspunkt des gesamten Cannabinoid-Wegs. In einer reifen Rauschsorte findet man von CBG trotzdem kaum etwas, weil die Pflanze den Vorläufer weitgehend aufgebraucht hat. Wie viel übrig bleibt, entscheiden Genetik, Erntezeitpunkt und, in geringerem Maß, die Kulturführung.

Steckbrief

  • Klasse: Phytocannabinoid
  • Säureform in der Pflanze: Cannabigerolsäure (CBGA)
  • Rolle: gemeinsame Vorstufe von Tetrahydrocannabinolsäure, Cannabidiolsäure und Cannabichromensäure
  • Berauschend: nein
  • Typischer Gehalt: unter 1 % in ausgereiften THC- und CBD-Sorten
  • Nicht verwechseln mit: Cannabigerolsäure, also der Säureform desselben Moleküls, oder mit Cannabinol, einem Abbauprodukt von THC

Warum die Pflanze CBGA bildet und nicht CBG

Die Pflanze stellt ausschließlich die Säureform her. Der Weg beginnt bei einer kurzkettigen Fettsäure, führt über die Olivetolsäure und endet damit, dass ein Enzym den Geranylrest überträgt und so Cannabigerolsäure entsteht. Erst danach greifen die drei Cannabinoidsynthasen ein und formen daraus die Säurevorstufen der bekannten Wirkstoffe.

Neutrales CBG entsteht aus dieser Säure erst durch Decarboxylierung, also durch Abspaltung der Carboxylgruppe unter Wärme oder Licht. Es ist damit selbst ein Umwandlungsprodukt und niemals Ausgangsstoff. Die verbreitete Formulierung, CBG werde in THC umgewandelt, überspringt zwei Schritte: umgesetzt wird die Säure, und die Neutralformen entstehen an ganz anderer Stelle.

Wie viel CBG in einer Blüte steckt

In einem Feldversuch mit wöchentlicher Beprobung von fünf Hanfsorten lag der Gesamt-CBG-Gehalt bei voller Reife zwischen 0,189 und 0,260 % der Trockenmasse, während dieselben Pflanzen zwischen 4,5 und 10,3 % CBD trugen. In einem ausgewogenen Chemotyp mit Anteilen von THC und CBD wurden dagegen Werte von 0,6 bis 0,86 % gemessen. Der Spielraum unterhalb der Ein-Prozent-Marke ist also erheblich und hängt am Chemotyp, nicht an der Kulturführung.

Ein auffällig hoher Restwert in einer THC- oder CBD-dominanten Sorte ist kein Gütezeichen. Er bedeutet entweder, dass früh geerntet wurde, oder dass die zuständige Synthase nicht vollständig arbeitet, und beides geht zu Lasten des eigentlichen Zielwirkstoffs.

Chemotyp IV: Pflanzen, die den Vorläufer behalten

Es gibt Pflanzen, in denen sich CBGA anhäuft, weil die Umwandlung ausbleibt. Kreuzungsversuche zeigen, dass sich diese Eigenschaft wie ein einzelnes rezessives Gen vererbt, und als Ursache gilt eine Variante der Tetrahydrocannabinolsäure-Synthase, die einen einzelnen Basenaustausch trägt und das Enzym vermutlich funktionsunfähig macht. Dieser Austausch lässt sich als molekularer Marker in der Zucht nutzen, was die Selektion von der Laboranalyse unabhängig macht.

Solche Pflanzen bilden den Chemotyp IV, dessen Schwelle im Artikel zum Chemotyp beschrieben ist. Für eine geschützte CBG-dominante Sorte sind über 5 % CBG bei jeweils unter 0,1 % THC und CBD dokumentiert. Höhere Angaben aus dem Handel ließen sich gegen keine Analyse prüfen.

Was den CBG-Gehalt verschiebt

Der Zeitpunkt wirkt am stärksten. Im genannten Feldversuch stieg der CBG-Gehalt mit der Blütenreife an, erreichte sein Maximum erst in der siebten Woche nach der Anthese und fiel danach binnen zwei Wochen um 43,5 bis 65,3 %. Die Vorstellung eines frühen Vorläuferbergs, den man vor der Umwandlung abfangen müsse, trifft auf diese Messung nicht zu.

Von den geprüften Eingriffen in die Kulturführung hob nur eine um 15 % angehobene Nährstoffgabe aus Stickstoff, Phosphor und Kalium den CBG-Gehalt der Blüten, und zwar zusammen mit einer um 41 % höheren Sprossmasse. Huminsäure senkte ihn dagegen, obwohl entsprechende Produkte mit dem gegenteiligen Versprechen vermarktet werden. Trockenstress in der frühen Blüte verschob das Verhältnis zugunsten von CBG, ließ aber CBD und THC um 70 bis 80 % einbrechen; das ist eine Umverteilung, kein Gewinn.

Nach dem Schnitt ändert sich der Gesamtgehalt kaum. Trocknung und Curing verschieben nur das Verhältnis von Säure- zu Neutralform, und ein Curing über drei Wochen im Dunkeln setzte unter 2 % um, sofern zuvor nicht heiß getrocknet wurde.

Was über die Wirkung bekannt ist

Zur Wirkung am Menschen ist die Lage dünn. Es liegt eine doppelblinde, placebokontrollierte Studie mit 34 gesunden Erwachsenen vor, die als erste veröffentlichte klinische Prüfung akute Effekte auf Angst, Stress und Stimmung untersuchte. Eine kritische Übersicht ordnet die verfügbaren Humandaten als weitgehend auf Pilotstudien beschränkt ein, häufig mit Mehrkomponentenpräparaten und ohne randomisierte Prüfungen mit isoliertem CBG und primären Wirksamkeitsendpunkten. Zu hohen Dosen sind zudem nachteilige Wirkungen auf die Leber berichtet worden. Wer CBG-Produkte kauft, kauft damit eine Substanz mit plausibler Vorgeschichte und dünner Evidenz.

Quellen