Blattseneszenz bei Cannabis – die programmierte Alterung in der Blüte

Eine Cannabis-Pflanze in der siebten Blütewoche verliert Grün. Die untersten Fächerblätter werden gelb, dann strohfarben, und viele Grower reagieren mit einer Zusatzdüngung. In den meisten Fällen ist dieser Reflex verkehrt: was da abläuft, ist keine Störung, sondern ein programmierter Vorgang, den die Pflanze aktiv steuert. Er heißt Blattseneszenz.

Ein Vorgang, kein Verfall

Blattseneszenz ist der letzte Lebensabschnitt eines Blattes und unterscheidet sich grundsätzlich von einem Nährstoffmangel oder einer Krankheit. Am Ende des Blattlebens baut die Pflanze das Chlorophyll ab — den grünen Farbstoff, der die Lichtenergie in Zucker umwandelt — und zerlegt die Speicherproteine im Blatt. Die dabei freigesetzten Nährstoffe, vor allem Stickstoff, Phosphor und Schwefel, werden über den Phloemstrom (die Saftbahn der Pflanze) in andere Pflanzenteile transportiert: in jüngere Blätter, in Speicherorgane oder — bei einer blühenden Pflanze — in die Blüten. Der Vorgang ist genetisch reguliert und läuft nach einem festen Programm.

Dass ein alterndes Blatt vergilbt, ist deshalb das sichtbare Zeichen einer Rückführung, nicht des Verfalls. Der Chlorophyll-Abbau macht die anderen Blattfarbstoffe sichtbar, die vorher überlagert waren. Der Nährstoffstrom aus dem alten Blatt ist keine Verschwendung, sondern eine Ernte, die die Pflanze in ihre nächste Struktur investiert.

Der Cannabis-Beleg

Für Cannabis liegt ein kontrollierter Beleg aus der Studie von Llewellyn und Kollegen aus 2023 vor. In dieser Nährstoff-Entzugsstudie an der THC-dominanten Sorte „Gelato 29" in Tiefwasserkultur — mit einer voll versorgten Kontrollgruppe, die eine modifizierte Hoagland-Nährlösung erhielt — begann ab der sechsten Woche der Blüte eine mäßige Vergilbung der ältesten Fächerblätter. Weder die Nährlösung noch die Blattgewebe-Analyse zeigten einen Mangel. Die Autoren ordnen diese Vergilbung ausdrücklich der programmierten Seneszenz zu und nicht einem Mangel. Die Chlorose nahm über die folgenden Wochen zu und zog von unten nach oben und innerhalb des einzelnen Blattes vom Rand zur Mittelrippe.

Der Sechs-Wochen-Wert gilt für diese eine Sorte in diesem einen System. Die genaue Startwoche variiert mit der Blütedauer der Sorte und den Kulturbedingungen; früher als in Woche 5 oder später als in Woche 8 wird es selten. Das Muster — von unten nach oben, vom Blattrand zur Mittelrippe — ist dagegen konstant.

Nährstoffe wandern aus dem Blatt in die Blüte

Wohin die Nährstoffe wandern, ist ebenfalls gemessen. In der Cannabis-Studie von Hershkowitz aus 2025 wurden an der CBD-Sorte „T1" über acht Wochen Blüte die Nährstoffkonzentrationen in Blatt und Blüte wöchentlich verfolgt. Bei Ernte lag die Blütenkonzentration von Stickstoff, Kalium, Schwefel, Eisen, Mangan und Molybdän etwa doppelt so hoch wie die Blattkonzentration; für Phosphor und Kupfer sogar etwa dreifach.

Das ist die andere Seite der Blattvergilbung. Was aus dem alten Fächerblatt verschwindet, taucht in der Blüte auf. Die Pflanze holt sich das Material, das sie für die Blütenentwicklung braucht, aus den Blättern, die sie ohnehin bald abwirft. Für Phosphor ist die Anreicherung besonders ausgeprägt — Cannabis ist eine Pflanze, die im Reproduktionsstadium besonders viel P in die Blüte zieht.

Abgrenzung Seneszenz gegen Mangel

Die praktisch wichtigste Frage ist, ob eine spätblühende Vergilbung Seneszenz oder Mangel ist. Vier Merkmale helfen bei der Entscheidung.

Zeitpunkt. Seneszenz beginnt in der Cannabis-Blüte typischerweise ab Woche fünf bis sieben und schreitet zur Ernte hin fort. Ein Nährstoffmangel eines Einzelelements kann in jeder Wachstumsphase auftreten und ist nicht an einen Kalender gebunden.

Verlauf im Blatt. Bei Seneszenz nimmt die Chlorose vom Blattrand zur Mittelrippe hin ab — der Rand vergilbt zuerst, die Mittelrippe bleibt länger grün. Bei einem Magnesiummangel dagegen ist die Chlorose interveinal, also zwischen den Blattadern, während die Adern selbst grün bleiben. Bei einem Kaliummangel wird der Rand nekrotisch, also bräunlich absterbend, nicht nur gelblich. Bei einem Stickstoffmangel ist die Vergilbung gleichmäßig über die ganze Blattfläche verteilt.

Blattgewebe-Analyse. Bei Seneszenz sinken die Blattkonzentrationen mehrerer mobiler Nährstoffe parallel, weil die Pflanze sie gemeinsam aus dem Blatt abzieht — Stickstoff, Phosphor, Kalium und Magnesium sinken zusammen. Bei einem echten Einzelelement-Mangel bricht ein Wert weit ein, während die anderen im Ausreichend-Bereich bleiben.

Nährlösungs- oder Substratanalyse. Bei Seneszenz sind Nährlösung und Substratlösung unauffällig — das Angebot ist da, die Pflanze nutzt es nur in dem vergilbenden Blatt nicht mehr. Bei einem Mangel ist der defizitäre Nährstoff auch dort niedrig. Diese eine Prüfung entscheidet in der Regel.

Warum die Verwechslung so hartnäckig ist

Die Blattvergilbung der Seneszenz sieht dem Bild eines Stickstoff- oder Magnesiummangels ähnlich, weil beide von unten nach oben ziehen — und das Bild einer Umlagerung sieht dem einer Absenkung ähnlich, weil das Blatt in beiden Fällen Nährstoffe verliert. Die Verwechslung wird zusätzlich dadurch begünstigt, dass viele Grower in genau diesem Zeitraum die Düngung reduzieren oder ganz aussetzen (siehe Artikel zum Cannabis-Flushing) — dann läuft die programmierte Seneszenz und der reduzierte Nachschub parallel, und das Bild wird noch deutlicher. Wer es als Mangel liest und mit Zusatzdüngung reagiert, greift in einen Vorgang ein, der keine Korrektur zulässt: die Pflanze wird das Blatt trotzdem abwerfen, und die Zusatzdünger landen in den jüngeren Blättern und in der Blüte, wo sie nicht gebraucht werden.

Was Seneszenz nicht ist

Seneszenz ist nicht dasselbe wie Nekrose. Nekrose ist der Zelltod, oft ausgelöst durch Trockenstress, Salzstress, Frost oder Krankheiten; das Blatt stirbt schnell ab, meist mit braunen, trockenen Flecken. Seneszenz dagegen ist ein langsamer, gesteuerter Vorgang, der Wochen dauert und mit einer stetig fortschreitenden Vergilbung beginnt. Nekrose ist auch nicht das Ende der Seneszenz; das seneszente Blatt wird vollständig gelb, verliert seine Stabilität und fällt ab — bei Cannabis in der Praxis oft erst nach der Ernte, wenn die Pflanze bereits geschnitten ist.

Quellen