Nährstoffüberversorgung bei Cannabis – was die kontrollierten Düngungsstudien zeigen

Im Cannabis-Anbau ist die Vermutung verbreitet, dass eine höhere Nährstoffzufuhr höhere Erträge und stärkere Wirkstoffe erzeugt. In den letzten fünf Jahren haben mehrere Arbeitsgruppen diese Vermutung Element für Element geprüft, indem sie dieselbe Sorte im selben System mit verschieden hohen Zufuhrwerten laufen ließen und den Ertrag am Ende der Blüte gemessen haben. Das Ergebnis lässt sich in einem Satz zusammenfassen: die Optima für die drei Hauptnährstoffe liegen deutlich niedriger, als die verbreiteten Empfehlungen nahelegen — und bei Phosphor zeigen die Daten zusätzlich, dass mehr Zufuhr weder mehr Ertrag noch mehr Wirkstoff bringt.

Wie das Optimum überhaupt bestimmt wird

Eine solche Studie stellt dieselbe Sorte im selben System auf mehrere Zufuhrwerte des zu prüfenden Nährstoffs, während die anderen Nährstoffe konstant gehalten werden. Steigt der Ertrag mit der Zufuhr zunächst an und geht dann in ein Plateau über, ist der Wert am Beginn des Plateaus das agronomische Optimum: mehr Zufuhr erhöht den Ertrag nicht mehr. Alles darüber ist Luxus — die Pflanze nimmt den Nährstoff auf und lagert ihn ins Gewebe ein, ohne dass mehr Blüte oder mehr Wirkstoff daraus entsteht. Für Stickstoff, Phosphor und Kalium liegen solche Studien inzwischen mehrfach vor, und die Ergebnisse decken sich zwischen den Arbeitsgruppen weitgehend.

Stickstoff

Die Arbeitsgruppe um Nirit Bernstein hat in einer Studie von 2020 fünf Stickstoff-Konzentrationen zwischen 30 und 320 mg pro Liter an einer medizinischen Sorte in perlite-Kultur geprüft. Das Optimum für Ertrag und Photosynthese lag im Vegetativstadium bei 160 mg pro Liter. Bei höheren Werten sanken die Blattkonzentrationen von Calcium, Magnesium und Mangan messbar, obwohl die Nährlösung diese Elemente in ausreichender Menge enthielt — der zusätzliche Ammonium-Stickstoff verdrängte die zweiwertigen Kationen an der Wurzelaufnahme (ein Beispiel für Ionenantagonismus, siehe Artikel zum Lockout). Eine Folgestudie derselben Gruppe von 2021 dehnte die Prüfung auf die Blütephase aus und fand dort einen ähnlichen Bereich: 160 bis 320 mg pro Liter waren optimal, unterhalb 80 mg pro Liter brach der Ertrag ein.

Eine unabhängige Studie an der Sorte „Gelato" (Bevan und Kollegen, 2021) bestätigte diese Größenordnung für die Blütephase mit einer anderen Methodik. In einem systematischen Versuchsplan mit fünf N-, fünf P- und fünf K-Werten in Tiefwasserkultur ergab sich als bester Wert für N in der Blüte 194 mg pro Liter; unterhalb 160 und oberhalb 230 mg pro Liter sank der Ertrag deutlich. Der Bereich der besten Zufuhr liegt damit zwischen etwa 160 und 230 mg pro Liter. Viele kommerzielle Cannabis-Rezepte laufen bei 250 mg pro Liter oder darüber, was am oberen Rand oder bereits im Bereich der Ertragsminderung liegt.

Phosphor

Bei Phosphor zeigt die Datenlage einen bemerkenswerten Sprung nach unten gegenüber der bisherigen Praxis. Die verbreitete Empfehlung lag lange bei 60 bis 90 mg pro Liter, teilweise auch weit darüber; die kontrollierten Studien finden das Optimum weit darunter. Shiponi und Bernstein (2021) prüften P-Konzentrationen von 5, 15, 30, 60 und 90 mg pro Liter an zwei Sorten. Die eine Sorte erreichte den Ertragshöchstwert bereits bei 30 mg pro Liter, bei der anderen stieg der Ertrag bis 90 mg pro Liter weiter — aber nur um rund 20 Prozent bei einer Verdreifachung der P-Menge. Ein Toxizitätsbild trat bis 90 mg pro Liter bei keiner der beiden Sorten auf. Die Autoren empfehlen 30 mg pro Liter als Anwendungswert und 15 mg pro Liter als Minimum.

Die Utah-Gruppe um Bugbee kam an einer CBD-dominanten Sorte auf einen noch niedrigeren Wert. In der Studie von Hershkowitz und Kollegen aus 2025 wurden fünf P-Werte zwischen 15 und 90 mg pro Liter kombiniert mit zwei Werten der elektrischen Leitfähigkeit geprüft. Ergebnis: 15 mg pro Liter reichten für den vollen Blütenertrag, weder eine Erhöhung auf 30, 45, 60 noch 90 mg pro Liter brachte einen zusätzlichen Ertrag oder eine höhere Cannabinoid-Konzentration. Ein zusätzliches Argument gegen hohe P-Werte liefert der Umweltbezug: bei 90 mg pro Liter Zufuhr sammelt sich Phosphor in der Substratlösung auf mehrere hundert mg pro Liter an und läuft mit dem Bewässerungsüberschuss in die Umwelt.

Der scheinbare Widerspruch zwischen älteren Empfehlungen und neueren Messungen löst sich beim Blick auf den geprüften Bereich: die älteren Studien hatten keine Werte unter 60 mg pro Liter geprüft und übersahen deshalb, dass das Plateau schon deutlich früher beginnt. Wer den unteren Bereich nicht prüft, sieht das Optimum nicht.

Kalium

Kalium ist der ruhigste der drei Hauptnährstoffe. Die Studie von Bevan aus 2021 prüfte K-Werte zwischen 60 und 340 mg pro Liter und fand im gesamten Bereich keinen signifikanten Ertragsunterschied. Der geprüfte Bereich liegt oberhalb des Mangelbereichs und unterhalb einer Toxizitätsgrenze, die für Cannabis nicht bestimmt wurde — dazwischen reagiert die Pflanze im Ertrag nicht. Die Wahl der genauen K-Menge ist deshalb nach heutiger Datenlage keine Ertragsfrage, sondern eine Frage der Ionenbalance im Gesamtsystem. Die verbreiteten kommerziellen Werte von 300 bis 400 mg pro Liter liegen am oberen Rand des geprüften Bereichs und sind aus den Ertragsdaten nicht zu rechtfertigen.

Der Trade-off zwischen Ertrag und Wirkstoffkonzentration

Ein wichtiger Nebenbefund der Stickstoff-Studien: eine höhere N-Zufuhr senkt die Cannabinoid-Konzentration in der Blüte, während der Ertrag steigt. In der Studie von Saloner und Bernstein von 2021 lag die THCA-Konzentration in Pflanzen mit 30 mg pro Liter N rund 30 Prozent höher, und die CBDA-Konzentration rund 20 Prozent höher, als in Pflanzen mit 160 mg pro Liter N. Der Ertrag war umgekehrt: bei 30 mg pro Liter war er halb so groß wie bei 160 mg pro Liter.

Das ist keine Empfehlung, N zu drosseln — die Gesamtmenge an Wirkstoff pro Fläche ist bei 160 mg pro Liter trotz der niedrigeren Konzentration noch immer höher als bei 30 mg pro Liter, weil sich der Ertrag verdoppelt hat. Was der Befund zeigt, ist eine Wahl: wer maximale Wirkstoffkonzentration je Gramm Blüte anstrebt, muss die N-Zufuhr niedriger fahren als für den maximalen Ertrag pro Fläche. Die eine „richtige" Rate gibt es nicht, weil die zwei Ziele auseinanderlaufen.

Für Phosphor sieht die Datenlage anders aus. Weder bei Bevan noch bei Hershkowitz reagierte die Cannabinoid-Konzentration auf die P-Zufuhr. Der Trade-off ist stickstoffspezifisch und nicht auf jeden Nährstoff übertragbar.

Luxusaufnahme als Konzept

Wenn eine Pflanze einen Nährstoff über ihrem Bedarf aufnimmt und einlagert, ohne dass daraus Wachstum wird, spricht die Pflanzenphysiologie von Luxusaufnahme. Bei Cannabis ist das Verhalten für mehrere Nährstoffe belegt: Blatt-Phosphor stieg in der Hershkowitz-Studie von 15 auf 90 mg pro Liter Zufuhr um mehrere hundert Prozent, ohne dass der Ertrag mitwuchs. Der aufgenommene Nährstoff sitzt im Gewebe, weil die Wurzel ihn passiv mit dem Wasserstrom mitnimmt oder aktiv einlagert, aber er wird nicht in zusätzliches Wachstum umgesetzt. Luxusaufnahme ist deshalb kein Beleg für Bedarf; sie ist eher das Zeichen einer Überdüngung, die sich im Blattgewebe messen lässt, ohne dass am Ertrag ein Vorteil entsteht.

Elektrische Leitfähigkeit als Grenze

Der zusammenfassende Wert einer Nährlösung ist die elektrische Leitfähigkeit (EC), gemessen in Millisiemens pro Zentimeter. Sie steigt mit der Ionenkonzentration und wird als grobes Maß der Gesamt-Nährstoffkonzentration benutzt. Für Cannabis liegt der praxisübliche EC zwischen 1,5 und 3,0 mS pro Zentimeter. Kontrollierte Studien zeigen, dass die Sorte den EC-Bereich nach oben hin gut toleriert, solange die Salze aus dem Dünger stammen: Hershkowitz fand zwischen EC 2 und EC 4 mS pro Zentimeter keinen Ertrags- oder Cannabinoid-Unterschied. Erst deutlich höhere Werte drücken den Ertrag. Bei Natriumchlorid ist die Empfindlichkeit größer — Phytotoxizität trat in einer referierten Studie bereits ab EC 9 mS pro Zentimeter auf, wenn NaCl die EC hob. Ein EC-Wert ohne Angabe der Salzart ist für die Beurteilung deshalb unvollständig; die Zusammenhänge sind im Artikel zum Lockout im Einzelnen beschrieben.

Warum weniger oft mehr ist

Die Summe der Studien zeichnet ein einheitliches Bild: die kontrollierten Optima für Cannabis liegen unter dem, was Praxis und Vendor-Empfehlungen nahelegen. Die Gründe für die Diskrepanz sind mehrere. Ältere Untersuchungen prüften den unteren Bereich nicht mit. Kommerzielle Nährlösungsprogramme sind oft auf Sicherheitsmargen ausgelegt und verpuffen diese Margen im Gewebe. Und die Grower-Kultur trägt eine „mehr hilft mehr"-Erwartung, die den nachweisbaren Trade-off zwischen Wirkstoff und Ertrag übersieht. Wer Cannabis mit einer knapp bemessenen, aber vollständigen Nährlösung fährt, erreicht in der aktuellen Datenlage denselben Ertrag bei stabileren Wirkstoffwerten und mit deutlich weniger ausgewaschenem Dünger.

Quellen