Bormangel bei Cannabis – Funktion des Bors in der Zellwand, Schadbild und Grenzen der Diagnose
Bor ist ein Mikronährstoff, den die Pflanze in winzigen Mengen braucht und bei Überdosierung schlecht verträgt. Seine Aufgabe sitzt in der Zellwand, weshalb sich ein Mangel zuerst dort zeigt, wo neues Gewebe entsteht: an Trieb- und Wurzelspitzen. Für Cannabis ist das Schadbild beschrieben, die Grenzwerte sind es nur ungenau.
Was Bor in der Pflanze tut
Die am besten belegte Rolle des Bors ist eine Brückenfunktion. In der Primärwand liegt das Pektin Rhamnogalacturonan II als Doppelmolekül vor, das über eine Borat-Diesterbrücke kovalent vernetzt ist. Diese Vernetzung baut das dreidimensionale Pektinnetz auf und trägt die mechanischen Eigenschaften der Wand. Fehlt das Bor, fehlen die Brücken, und die Wand verliert an Festigkeit, noch bevor irgendein Symptom sichtbar wird.
Bor ist außerdem im Phloem kaum beweglich. Die Pflanze kann es also nicht aus altem Gewebe abziehen und ins junge umlagern, weshalb die Versorgung dauerhaft laufen muss und die Symptome oben und nicht unten beginnen.
Das Schadbild
Fehlen die Boratbrücken, sind die Folgen gestörte Zellstreckung, veränderte Durchlässigkeit der Wand, kurze dicke Triebe und Wurzeln, absterbende Vegetationspunkte und aufreißende Oberflächen. Am Cannabis kommen verdrehtes, sprödes Neuwachstum, nekrotische Blattspitzen und ein absterbender Haupttrieb hinzu, wonach die Pflanze verstärkt Seitentriebe schiebt.
Weil Calcium in derselben Region wirkt und ebenfalls schlecht umlagerbar ist, ähneln sich beide Mangelbilder stark. Eine sichere Trennung gelingt nur über eine Blattgewebeanalyse.
Warum Bormangel und hohle Stängel nicht dasselbe sind
Aus dem Gemüsebau stammt die Regel, ein hohler Stängel zeige Bormangel an. Ausgerechnet dort ist sie inzwischen strittig. In drei Feldversuchen an Brokkoli beeinflussten Sorte, Bestandsdichte und Stickstoffangebot die Hohlraumbildung signifikant, während eine Bor-Blattgabe ohne Wirkung blieb. Eine andere Arbeit fand die Hohlräume dort, wo der Stängel besonders schnell in die Breite wuchs, und deutete sie als Folge mechanischer Spannung. Ältere Untersuchungen hatten dagegen eine Wirkung der Bor-Bodengabe gemessen.
Bei Cannabis kommt hinzu, dass sich das Mark im Zuge der normalen Entwicklung ohnehin auflöst. Ein hohler Querschnitt ist dort zuerst eine Frage der Schnittstelle am Spross und erst danach eine Frage der Ernährung.
Das enge Fenster
Zwischen Mangel und Überschuss liegt bei Bor eine der kleinsten Spannen aller Pflanzennährstoffe. Gewebe mit zu wenig Bor fühlen sich spröde an, Gewebe mit zu viel gummiartig; eine Überversorgung schädigt Wurzeln und Blüte. Für Cannabis liegen bislang Erhebungsbereiche vor, keine belastbaren Bedarfswerte, weil dafür Dosisversuche mit Ertrags- und Wirkstoffmessung nötig wären.
Daraus folgt eine schlichte Reihenfolge: erst die Blattgewebeanalyse, dann die Gabe. Eine Borkorrektur ins Blaue hinein ist bei diesem Element riskanter als bei jedem anderen Mikronährstoff.
Quellen
- O’Neill et al. 2004, Rhamnogalacturonan II: Struktur und Funktion eines boratvernetzten Pektins der Zellwand, Annual Review of Plant Biology
- Chormova und Fry 2015, Boratbrücken im Rhamnogalacturonan II, New Phytologist
- Bildung und Auflösung von Boratbrücken im Rhamnogalacturonan II bei apoplastischem pH, The Plant Journal
- Einfluss von vegetativem Wachstum und Kopfmerkmalen auf die Hohlstängelbildung bei Brokkoli, Agronomy
- Hinweise auf mechanische Gewebespannung bei der Entstehung des Hohlstängels im Brokkoli, Scientia Horticulturae
- Bornährstoffversorgung und Hohlstängel bei Brokkoli, Canadian Journal of Plant Science
- Cockson et al. 2019, Charakterisierung von Nährstoffstörungen bei Cannabis sativa, Applied Sciences