Viabilität: ob ein Samen lebt, unabhängig davon, ob er gerade keimen kann

Eine Partie Samen keimt schlecht, und die Frage lautet: ist sie tot oder schläft sie? Ein Keimtest beantwortet das nicht, denn ein toter und ein ruhender Samen sehen dort gleich aus, nämlich unverändert. Die Viabilität ist die Lebensfähigkeit des Samens, also die Fähigkeit seines Gewebes zu keimen, wenn die Bedingungen dafür stimmen. Sie wird nicht abgewartet, sondern am aufgeschnittenen Korn sichtbar gemacht.

Wie sie gemessen wird

Das Verfahren beruht auf einer Farbreaktion. Lebende Zellen tragen Dehydrogenasen, also Enzyme des Zellstoffwechsels, und diese färben eine farblose Prüflösung rot. Was rot wird, hat gelebt, als der Samen aufgeschnitten wurde.

Der Ablauf an Hanf ist beschrieben: zwei Wiederholungen zu je hundert Samen liegen vierundzwanzig Stunden in Wasser, damit das Gewebe weich wird und die Enzyme anspringen, werden längs aufgeschnitten und dann sechzehn Stunden bei 30 °C in einprozentiger Lösung gefärbt. Beurteilt wird unter siebenfacher Vergrößerung.

Ein zweites Labor arbeitet an derselben Frage mit drei Wiederholungen, achtzehn Stunden Wasser bei 20 °C, entfernter Fruchtwand statt Längsschnitt und achtzehn Stunden Färbung. Die Schritte streuen also zwischen Laboren, das Prinzip bleibt dasselbe.

Was als lebensfähig zählt

Als lebensfähig gilt ein Samen, dessen Keimling mit Achse und Keimblättern gleichmäßig durchgehend rot anfärbt. Bleibt er ungefärbt, wird er fleckig, oder bleibt mehr als die Hälfte der Keimblätter blass, zählt er als nicht lebensfähig.

Diese Trennung hat einen Nebeneffekt, der die Zahl senkt, ohne dass die Samen gealtert wären: ein leerer Samen ohne Keimling färbt nichts und fällt in dieselbe Gruppe. In einer Untersuchung an fünf Partien machten leere Samen in zweien davon 15 % und 14 % aus, in den übrigen drei nur 3 % bis 6 %. Als wahrscheinlichsten Grund nennen die Autoren eine mangelhafte Aufbereitung der Partie, geprüft haben sie ihn nicht.

Wofür der Wert taugt und wofür nicht

Sein Vorteil ist Tempo und Unabhängigkeit vom Zustand des Samens: die Färbung ist nach achtundvierzig Stunden fertig, ein Keimtest braucht sieben Tage, und eine Keimruhe verfälscht sie nicht. Wer wissen will, ob ein Eingriff an einer schwachen Partie überhaupt etwas zurückholen kann, bekommt hier die Antwort, bevor er anfängt.

Sein Nachteil ist, dass die eigentliche Entwicklung darin nicht vorkommt. Ein rot gefärbter Keimling kann trotzdem eine verkrümmte Wurzel treiben. Die Autoren der Hanf-Untersuchung halten den Keimtest deshalb für die genauere Bestimmung der Lebensfähigkeit, weil dort Wurzel und Spross wirklich bewertet werden und keine Farbreaktion.

Quellen