Triebkraft: was ein Samen unter schlechten Bedingungen noch leistet

Zwei Partien liefern im Labor beide 95 % Keimung. Im kalten, nassen Frühjahrsboden läuft die eine sauber auf und die andere lückenhaft. Der Unterschied heißt Triebkraft: die Leistung des Saatguts, wenn die Bedingungen nicht ideal sind. Ein Keimtest misst sie nicht, denn er stellt gerade die guten Bedingungen her, unter denen beide Partien gleich gut aussehen.

Warum Hanf hier eine Lücke hat

Die Regelwerke der beiden großen Prüfverbände enthielten im Jahr 2019 einen Standardkeimtest für Hanf und kein Verfahren für dessen Triebkraft. Beide Regelwerke erscheinen jährlich, ob seither eines aufgenommen wurde, ist hier nicht geprüft.

Damit fehlt für diese Art genau die Zahl, die im Feldanbau am meisten sagt. Wer nur die Keimfähigkeit kennt, kennt die Obergrenze dessen, was eine Partie kann, und nicht ihr Verhalten im Ernstfall.

Der Alterungstest

Vorgeschlagen ist ein Verfahren, das den Samen künstlich altern lässt. Er liegt achtundvierzig Stunden bei 43 °C und nahezu vollständiger Luftfeuchte, also deutlich wärmer und feuchter als jedes Lager, und wird danach unter den üblichen Prüfbedingungen bei 20 °C bis 30 °C über sieben Tage gekeimt. Was diesen Stress übersteht, gilt als kräftig.

Die Werte fallen dabei deutlich ab. Für eine der geprüften Sorten lagen sie nach der Alterung bei 64 % aus dem oberen und 70 % aus dem unteren Pflanzenteil, während eine Färbeprobe für dieselben Partien vorher 97 % bis 98 % lebende Samen zeigte. An den nach der Alterung nicht gekeimten Samen fanden sich 19 % bis 25 % noch lebende; die Autoren halten eine dadurch ausgelöste zweite Keimruhe für möglich und haben das nicht geprüft.

Der zweite Weg: das Tempo messen

Neben der Belastungsprobe steht ein Kennwert, der die Geschwindigkeit erfasst, der Keimgeschwindigkeitsindex. Dafür wird von Tag zwei bis Tag sieben täglich gezählt, wobei ein Keimling erst zählt, wenn Wurzel und Spross gesund sind und der Spross mindestens 5 mm misst, also gut die Länge eines Samenkorns. Ein höherer Wert steht für schnellere Keimung. Die Rechenvorschrift verweist auf eine ältere Arbeit und war im gelesenen Volltext nicht abrufbar.

Beide Wege messen verschiedene Dinge. Der eine fragt, was nach einer Belastung übrig bleibt, der andere, wie zügig eine unbelastete Partie loslegt. Eine Partie kann im ersten gut und im zweiten schwach abschneiden.

Quellen