Transgression – Nachkommen jenseits der Elternspanne

Transgression entsteht dem gemessenen Fall nach eher aus ähnlichen als aus weit entfernten Eltern, und das steht gegen die Lehrbuchempfehlung. Wer auf Extreme züchtet, wählt die Kreuzungspartner also anders, als die verbreitete Faustregel nahelegt. Der Begriff bezeichnet Nachkommen, deren Merkmalsausprägung außerhalb der Spanne beider Eltern liegt, nach oben wie nach unten, und er entsteht, wenn Polygene aus beiden Eltern in einem Nachkommen zusammentreffen.

Der gemessene Fall

Am deutlichsten belegt ist ein Beispiel aus dem Reisanbau. Unter sechs untersuchten Kreuzungen zeigte allein diejenige zwischen zwei nahezu gleich blühenden Sorten eine starke Spreizung: 0,7 Tage Unterschied zwischen den Eltern, 18 Tage Spanne in der zweiten Tochtergeneration. Die Kreuzungen mit weit entfernten Sorten brachten fast keine Transgression hervor.

Verantwortlich waren nicht wenige große Effekte, sondern fünf kleine Genorte, deren Allelwirkungen sich ergänzten, dazu eine Wechselwirkung zwischen zweien von ihnen. Die Autoren führen den Befund darauf zurück, dass sich bei sehr verschiedenen Eltern positive und negative Allelwirkungen gegenseitig aufheben.

Warum die Faustregel trotzdem kursiert

Als günstig für Transgression gilt möglichst heterogenes Ausgangsmaterial, etwa Kreuzungspartner aus geographisch entfernten Gebieten. Diese Empfehlung steht in der Zuchtliteratur und ist für andere Zuchtziele auch sinnvoll, etwa wenn es um neue Merkmalskombinationen überhaupt geht. Für Extreme innerhalb eines Merkmals sagt der gemessene Fall das Gegenteil. Für Cannabis ist die Frage nicht untersucht; beide Aussagen stammen aus anderen Kulturarten und sind als Erwartung zu behandeln, nicht als Regel.

Was sich davon festhalten lässt

Anders als die Heterosis der ersten Tochtergeneration lässt sich Transgression ab der zweiten erblich festlegen: die extremen Ausprägungen des Reis-Falls blieben in der dritten und vierten Generation erhalten. Vorhersagen lässt sie sich trotzdem nicht, weshalb die Zuchtliteratur dafür viele Testkreuzungen ansetzt.

Ausreißer in beide Richtungen

Die Mechanik unterscheidet nicht zwischen erwünscht und unerwünscht. Eine zu hohe Pflanze mit zu kurzer Blütezeit entsteht auf demselben Weg wie der Sämling, den man behält: aus einer Kombination kleiner Effekte, die keiner der Eltern gezeigt hat. Praktisch heißt das, dass beides in derselben Kreuzung auftaucht und sich nicht getrennt ansteuern lässt; man kann nur die Zahl der Pflanzen erhöhen, unter denen man sucht.

Quellen