Reziproke Kreuzung: der Test auf einen Elternteil-Effekt

Kurz gesagt

Eine reziproke Kreuzung ist ein Paar von Kreuzungen, bei dem die Rollen von Mutter und Vater vertauscht werden: einmal Sorte A als Mutter mit B als Vater, einmal umgekehrt. Der Vergleich beider Nachkommenschaften zeigt, ob ein Merkmal von einem bestimmten Elternteil abhängt.

Was der Vergleich verrät

Die Logik ist einfach. Kommt bei beiden Richtungen dasselbe heraus, wird das Merkmal über den Zellkern vererbt, an dem beide Eltern gleich beteiligt sind. Unterscheiden sich die Ergebnisse je nach Kreuzungsrichtung, hängt das Merkmal an etwas Einseitigem: an den Geschlechtschromosomen oder an der cytoplasmatischen Vererbung, also den Genen außerhalb des Zellkerns, die nur die Mutter weitergibt.

Damit trennt der Test drei Möglichkeiten sauber: reine Kernvererbung, geschlechtsgebundene Vererbung und maternalen Einfluss. Er ist oft der erste, einfachste Zugriff, bevor man zu aufwendigen molekularen Erklärungen greift.

Klassische Beispiele

Zwei historische Versuche zeigen beide Ausgänge. Carl Correns kreuzte um 1909 die Wunderblume (Mirabilis jalapa) mit panaschierten, also weiß-grün gefleckten Blättern. Nahm er eine grüne Pflanze als Mutter, waren die Nachkommen grün; in der Gegenrichtung, mit panaschierter Mutter, wurden sie panaschiert. Das Merkmal folgte allein der Mutter, ein Fall cytoplasmatischer Vererbung über die Chloroplasten.

Thomas Morgan fand 1910 bei der Taufliege den anderen Fall: Die Augenfarbe verhielt sich in den beiden Kreuzungsrichtungen unterschiedlich, weil das Gen auf dem Geschlechtschromosom liegt. Gregor Mendel dagegen erhielt bei seinen Erbsen in beide Richtungen dieselben Verhältnisse, ein Zeichen für reine Kernvererbung.

Der Test bei Cannabis

Genau dieses Werkzeug entkräftet die verbreitete Annahme, das Aroma komme von der Mutter. Vertauscht man bei Cannabis die Elternrollen, bleibt die Cannabinoid-Zusammensetzung im Schnitt gleich, ein konsistenter Mutter- oder Vatereffekt zeigt sich nicht (Vergara et al. 2019). Wäre das Aroma maternal vererbt, müssten sich die beiden Kreuzungsrichtungen unterscheiden. Sie tun es nicht.

Quellen