Keimruhe: der Zustand, in dem ein lebender Samen nicht keimt

Keimruhe bedeutet, dass ein Samen lebt und trotzdem nicht keimt, obwohl Wärme und Feuchte stimmen. Bei Hanf betrifft sie vor allem frisch geerntete Samen: in einer Untersuchung an zwei Sorten hielt sie nach der Ernte fünf bis sechs Wochen an und verschwand dann von selbst. Wer in dieser Zeit prüft, wie gut seine Samen keimen, bekommt eine zu schlechte Zahl. Ein Samen, der liegen bleibt, ist dann nicht automatisch tot.

Ein Beispiel zeigt, wie das aussieht. Jemand erntet eigene Samen, legt drei Wochen später hundert davon auf feuchtes Küchenpapier und zählt nach einer Woche nach. Ein Teil ist aufgegangen, der Rest liegt unverändert da, und der naheliegende Schluss lautet, die Ernte tauge wenig. Genau diese Lage ist an Hanf gemessen worden: einundzwanzig Tage nach der Ernte keimten von einer Sorte 79 % der Samen, obwohl eine Färbeprüfung, die lebendes Gewebe im aufgeschnittenen Samen rot anzeigt, an denselben Samen 97 % lebende fand. Die Lücke dazwischen bestand aus ruhenden Samen, nicht aus toten.

Woran man einen ruhenden Samen von einem toten unterscheidet

Keimruhe, also das Nichtkeimen eines lebenden Samens, ist im Keimtest allein nicht zu erkennen. Ein Keimtest legt eine abgezählte Menge Samen unter festgelegter Feuchte und Temperatur aus und zählt nach sieben Tagen die Keimlinge, die jungen Pflanzen, die ausgetrieben haben. Ein ruhender und ein toter Samen sehen dort gleich aus: beide bleiben einfach liegen.

Trennen lassen sie sich mit einer zweiten Prüfung, dem Tetrazoliumtest. Dabei werden die Samen aufgeschnitten und in eine Lösung gelegt, die lebendes Gewebe rot färbt. Das Ergebnis heißt Viabilität, die Lebensfähigkeit, und es hängt nicht davon ab, ob ein Samen gerade ruht. Keimruhe zeigt sich damit als Abstand zwischen zwei Zahlen: viele Samen leben, wenige keimen.

Wie lange sie bei frisch geerntetem Hanf anhält

Keimruhe, also dass lebende Samen noch nicht keimen, ist an Hanf in einer Untersuchung über die Wochen nach der Ernte verfolgt worden. Beide geprüften Sorten trugen sie fünfunddreißig bis zweiundvierzig Tage lang, das sind fünf bis sechs Wochen. Einundzwanzig Tage nach der Ernte keimten die Samen aus dem oberen Teil der Pflanzen zu 79 % und 91 %, während der Färbetest auf lebendes Gewebe an denselben Samen 97 % und 96 % lebende fand. Dass der Abstand auf Keimruhe zurückging, prüften die Autoren, indem sie gezielt die nicht gekeimten Samen anfärbten.

Die Keimruhe baute sich ohne jedes Zutun ab. Diesen Abbau durch bloßes Liegen nennt man Nachreifung: von achtundzwanzig Tagen nach der Ernte an keimten behandelte und unbehandelte Proben gleich gut. Die Dauer ist damit an zwei Sorten belegt, nicht für Hanf allgemein.

Wie man sie vorzeitig aufhebt

Keimruhe, der Zustand lebender Samen, die noch nicht keimen, lässt sich abkürzen, wenn man nicht fünf Wochen warten will. Das gemessene Mittel ist eine Vorkühlung: die Samen werden angefeuchtet und fünf Tage bei 10 °C gehalten, also etwas wärmer als in einem Kühlschrank, bevor der eigentliche Keimtest beginnt. An Saatgut einundzwanzig Tage nach der Ernte hob das die Keimwerte auf die Höhe des Färbetests. Die Autoren empfehlen die Vorkühlung für frisch geerntete Samen und immer dann, wenn das Alter einer Partie, also eines Postens Samen aus einer Ernte, unbekannt ist. Ab dem achtundzwanzigsten Tag nach der Ernte brachte sie in derselben Untersuchung keinen Vorteil mehr.

Nach Deutung der Autoren wirkt sie doppelt: sie hebt die Keimruhe auf und lässt den Samen schon vorab Wasser aufnehmen, sodass er nach dem Wechsel in die Wärme schneller und gleichmäßiger keimt. Getrennt gemessen wurden die beiden Wirkungen nicht.

Ein zweites Mittel kommt aus einer anderen Arbeit: dort hoben eine Befeuchtung mit Kaliumnitrat, einer Salzlösung, und eine dreitägige Vorkühlung bei 5–10 °C, etwa Kühlschranktemperatur oder wenig darüber, die Keimung in zwei von fünf Partien deutlich über die für Hanf empfohlenen Prüfverfahren. Das dritte Mittel ist die Zeit selbst, die Nachreifung. Für Landrassen aus Südafrika sind weitere Behandlungen geprüft worden; sie stehen im Artikel zur Dormanz.

Wo die Messungen auseinandergehen

Nicht jede geprüfte Hanfpartie zeigt Keimruhe, also lebende Samen, die nicht keimen. Eine zweite Arbeit untersuchte fünf Partien einer Sorte. Dort lag der Anteil lebender Samen nahe an der Zahl aller Keimlinge, normal gewachsener wie missgebildeter, und die Autoren schlossen daraus, dass keine Keimruhe vorlag.

Dieselbe Arbeit fand aber, dass eine Salzlösung aus Kaliumnitrat und eine dreitägige Vorkühlung die Keimung in zwei der fünf Partien deutlich hoben, und liest das an anderer Stelle selbst als Hinweis auf eine Restruhe. Entscheiden ließe sich das über das Alter des Saatguts, und genau das nennt diese Arbeit nicht. Offen bleibt damit, wie verbreitet Keimruhe bei Hanf ist. Wer das Alter einer Partie nicht kennt, kühlt sie deshalb vor dem Test vor, wie es die Autoren der ersten Arbeit für diesen Fall empfehlen.

Was daraus für eine Keimprüfung folgt

Wer wissen will, wie gut eine Partie Hanfsamen keimt, muss die Keimruhe mitdenken, die Zeit, in der lebende Samen noch nicht keimen. Das Erntedatum gehört deshalb zur Keimzahl: ein Wert drei Wochen nach der Ernte und einer nach zwei Monaten messen nicht dasselbe.

Bei frischen Samen oder unbekanntem Alter ist eine Vorkühlung vor dem Test der Weg, den die Autoren empfehlen. Die Alternative ist Abwarten, bis die Nachreifung abgeschlossen ist, was in der gemessenen Untersuchung spätestens nach sechs Wochen der Fall war. Und ein schlechter Keimwert an frischer Ware sagt für sich wenig über die Qualität. Deutlich mehr sagt er neben einem Färbetest auf lebendes Gewebe: ist dieser hoch und die Keimung niedrig, ruhen die Samen, statt tot zu sein.

Quellen