Keimfähigkeit: der Anteil normaler Keimlinge in einem festgelegten Test
Zehn Samen liegen auf feuchtem Papier, nach drei Tagen zeigen sieben eine weiße Wurzelspitze. Das sind nicht 70 % Keimfähigkeit. Die Keimfähigkeit ist der Anteil der Samen, aus denen unter festgelegten Bedingungen ein normaler Keimling wird, also eine junge Pflanze mit gesunder Wurzel und gesundem Spross. Gezählt wird also, was sich richtig entwickelt hat, an einem festgelegten Tag und unter festgelegter Temperatur. Eine Partie ist dabei ein abgepackter Posten aus einer Ernte, und der Wert gilt immer ihr und nie einem einzelnen Samen. Deshalb gehört zu jeder Prozentangabe die Angabe, wie sie zustande kam.
Was in einem Keimtest gezählt wird
Am Ende der Prüfung wird jeder angesetzte Samen einer von drei Gruppen zugeordnet: normaler Keimling, anormaler Keimling, toter Samen. Als normal gilt bei Hanf eine junge Pflanze, deren Hauptwurzel weder verkürzt noch verkrümmt ist oder die stattdessen viele Seitenwurzeln gebildet hat, und deren Stängel samt Blättern unverformt dasteht. Alles andere ist anormal, auch wenn die Hülle aufgegangen ist und etwas herausschaut.
Der Grund für diese Trennung ist praktisch: ein anormaler Keimling wird im Beet keine Pflanze. Ein Same, der die Wurzel herausschiebt und dann stehen bleibt, hat gekeimt und trotzdem nichts geliefert. Die internationalen Prüfregeln fassen den anormalen Keimling deshalb über das, was ihm fehlt: die Aussicht, sich unter guten Bedingungen zu einer brauchbaren Pflanze weiterzuentwickeln.
Die Bedingungen gehören zur Zahl
Für Hanf ist der Ablauf beschrieben. Vier Wiederholungen zu je hundert Samen kommen auf gerollte Keimpapiere, die mit einer verdünnten Kaliumnitratlösung befeuchtet werden, und liegen in geschlossenen Beuteln, damit die Feuchte nicht schwankt. Die Temperatur wechselt im Tageslauf: sechzehn Stunden bei 20 °C im Dunkeln, acht Stunden bei 30 °C im Licht, also eine Nacht-Tag-Führung statt einer festen Wärme. Gezählt wird sieben Tage nach dem Ansetzen.
Dass diese Angaben keine Formsache sind, zeigt ein Vergleich von sechs Anordnungen an denselben fünf Partien. In jeder Partie kamen unterschiedliche Werte heraus; in einer reichten sie von 42,75 % bis 59,75 %, also über gut ein Viertel des dort erreichten Werts. Sand als Unterlage lieferte in drei der fünf Partien den höchsten Wert, in einer weiteren dagegen den niedrigsten aller sechs Verfahren. Eine Keimzahl ohne ihre Bedingungen lässt sich mit keiner anderen vergleichen.
Zwei Zähltermine, zwei Aussagen
Gezählt wird zweimal. Nach drei Tagen erfasst die Prüfung die Keimenergie: nur die Keimlinge, deren Grundstrukturen schon vollständig angelegt sind. Sie beschreibt das Tempo und gilt als erster Hinweis darauf, wie sich eine Partie im Feld schlägt.
Der zweite Termin nach sieben Tagen liefert die Keimfähigkeit selbst, aufgeteilt in normale Keimlinge, anormale Keimlinge und nicht gekeimte Samen. Beide Zahlen können weit auseinanderliegen: eine Partie, die langsam startet und am Ende trotzdem vollständig aufläuft, hat eine niedrige Keimenergie und eine hohe Keimfähigkeit. Wer nur den früheren Termin liest, hält sie für schlecht.
Warum frisch geerntetes Saatgut zu schlecht abschneidet
Ein Samen kann leben und trotzdem nicht keimen. Dieser Zustand heißt Keimruhe, und bei Hanf hält er nach der Ernte nur kurz an. In einer Untersuchung an zwei Sorten lagen die Keimwerte einundzwanzig Tage nach der Ernte bei 79 % und 91 %, während eine Färbeprobe, die lebendes Gewebe im aufgeschnittenen Samen rot anzeigt, an denselben Partien 97 % und 96 % lebende Samen fand. Der Abstand ging auf ruhende Samen zurück, nicht auf tote.
Zwei Wege schließen ihn. Eine Vorkühlung des angefeuchteten Saatguts bei 10 °C über fünf Tage vor dem eigentlichen Test hob die Keimwerte auf die Höhe der Färbeprobe. Und schlichtes Liegenlassen tut dasselbe: von achtundzwanzig Tagen nach der Ernte an unterschieden sich vorgekühlte und unbehandelte Proben nicht mehr, die Ruhe war von allein abgebaut. Wer eine frische Partie prüft, prüft deshalb zu früh.
Was die Zahl nicht sagt
Die Keimfähigkeit sagt, wie viele Samen unter guten Bedingungen eine ordentliche junge Pflanze liefern. Sie sagt nichts darüber, wie viele es unter schlechten tun. Dafür gibt es einen eigenen Begriff, die Triebkraft, also die Leistung unter erschwerten Bedingungen. Die Regelwerke der beiden großen Prüfverbände führten dafür im Jahr 2019 kein Verfahren für Hanf; ein Vorschlag dazu setzt die Samen achtundvierzig Stunden bei 43 °C und nahezu vollständiger Luftfeuchte unter Stress und keimt sie danach unter den üblichen Bedingungen. Die Werte fielen dabei deutlich ab: für eine der geprüften Sorten auf 64 % und 70 %, gegenüber 97 % bis 98 % lebender Samen in der Färbeprobe derselben Partien.
Ebenso wenig sagt die Zahl etwas über die Bezugsgröße, wenn niemand sie nennt. Die gelesenen Arbeiten setzen hundert Samen je Wiederholung an, ohne zu behandeln, wie rein das Material vorher war; und welche Streuung zwischen den vier Wiederholungen noch zulässig ist, bevor eine Prüfung wiederholt werden muss, nennt keine von ihnen.