Dormanz: die Keimruhe eines lebensfähigen Samens
Dormanz ist die Keimruhe eines vitalen Samens: er könnte keimen, tut es unter guten Bedingungen aber nicht, bis eine Blockade fällt. Für Cannabis wird die Frage meistens pauschal beantwortet, mit ja oder nein. Die Messungen erlauben das nicht. Sie fallen bei südafrikanischen Landrassen anders aus als bei europäischem Industriehanf, und die Trennlinie verläuft nach Herkunft und Alter des Materials, nicht nach Verfahren.
Der Befund an Landrassen
Fünf Landrassen aus KwaZulu-Natal wurden gegen eine Wasserkontrolle mit sieben Vorbehandlungen geprüft: Kaliumnitrat, Salzsäure, Heißwasser bei 70 °C, Salpetersäure, trockene Vorkühlung bei 10 °C, Gibberellinsäure und Schwefelsäure. Die Vitalität war vorab per Tetrazoliumtest bestimmt worden, die Samen waren also nachweislich lebend.
Am wirksamsten waren Gibberellinsäure, Kaliumnitrat und die trockene Vorkühlung. Aus diesem Muster schließen die Autoren auf physiologische Dormanz der geprüften Genotypen, also auf eine Blockade im Embryo und nicht in der Hülle. Wer solches Material aussät, hat es demnach mit einer Keimruhe zu tun, die sich brechen lässt.
Der Gegenbefund an Industriehanf
An Industriehanf greift dasselbe Instrumentarium nicht. Kälte bei 4 °C über 72 Stunden blieb in einer eigenen Prüfung an drei Sorten ohne Wirkung auf Keimrate, Keimlingsanteile und Wurzelmaße. Kurze Kältegaben von drei Tagen bei 4 °C oder fünf Tagen bei 10 °C verbesserten die Keimung an 14 Industriehanfsorten und an zwei weiteren nicht; diese Zusammenstellung ist in einer neueren Arbeit zitiert und nicht dort erhoben.
Gibberellinsäure wirkt an Industriehanf sogar gegenläufig: 1000 mg je Liter senkten die Keimrate von 56 auf 28 %. Ein Mittel, das an Landrassen zu den wirksamsten zählt, schadet hier. Deutlicher lässt sich nicht zeigen, dass die Frage nach der Dormanz ohne Angabe des Materials unbeantwortbar ist.
Kaltstratifikation und was sie wirklich bewirkt
Feuchte Kaltstratifikation bei 4 °C zeigte nach 30 Tagen keinen Unterschied zur Kontrolle. Der Vorteil, der sich nach 60 Tagen einstellte, wird als Effekt der Lagerung gelesen und nicht als Bruch einer Ruhe: das Saatgut altert unter diesen Bedingungen langsam nach, was mit einer Keimruhe nichts zu tun hat. Für eine gezielte Behandlung taugt das nicht.
Was offen bleibt
Ob Cannabis überhaupt eine einheitliche Dormanzform besitzt, ist unentschieden. Eine Arbeit, die dieselben Genotypen einmal auf eine Hüllenbarriere und einmal auf eine physiologische Blockade prüft, existiert nicht, und ohne sie lässt sich die Trennung nach Herkunft beschreiben, aber nicht erklären. Für die Praxis heißt das: bei Landrassen und altem Material lohnt der Versuch mit Kaliumnitrat oder Vorkühlung, bei frischem Industriehanf ist er verschenkte Zeit.
Quellen
- Ngcobo et al. 2024, Seed dormancy and germination responses of cannabis landraces to various pre-treatments, South African Journal of Botany 165:91–100
- McDonald, Lubell-Brand 2025, Cold Moist Stratification and Acid Scarification Do Not Significantly Enhance Hemp Seed Germination, HortTechnology 35(4):552
- Islam, Rengel, Storer, Siddique, Solaiman 2022, Industrial Hemp Varieties and Seed Pre-Treatments Affect Seed Germination and Early Growth of Seedlings, Agronomy 12(1):6