Doppelkreuzung – vier Linien in zwei Schritten
Doppelkreuzung ist ein Produktionsweg für Saatgut, kein eigenes Zuchtziel. Vier reinerbige Linien werden zunächst paarweise gekreuzt, A mit B und C mit D, und anschließend die beiden entstandenen Kreuzungen miteinander: (A × B) × (C × D). Reinerbig heißt dabei, dass eine Linie an den betrachteten Stellen ihres Erbguts zweimal dieselbe Anlage trägt und ihre Merkmale deshalb unverändert weitergibt.
Der Umweg hat einen einzigen Grund, und der ist wirtschaftlich. Er beantwortet nicht die Frage, welche Kreuzung die beste ist, sondern die Frage, auf welcher Pflanze die Samen geerntet werden.
Warum überhaupt ein Umweg
Die Kreuzung zweier reinerbiger Linien heißt Einfachkreuzung, und sie ist das eigentliche Ziel jeder Hybridzüchtung: weil beide Eltern ihre Merkmale unverändert weitergeben, fällt die Nachkommenschaft zwischen zwei bestimmten Linien immer gleich aus. Ist die passende Kombination einmal gefunden, lässt sich beliebig viel identisches Saatgut erzeugen.
Der Haken sitzt in der Produktion. Während der langen Verengung auf Reinerbigkeit verlieren die Linien an Kraft, beim Mais meist auf weniger als die Hälfte dessen, was frei abgeblühte Sorten leisten. Eine solche Linie als Samenträger zu verwenden heißt, das Verkaufssaatgut auf einer schwachen Pflanze zu ernten und entsprechend wenig davon zu bekommen. Genau das umgeht die Doppelkreuzung: geerntet wird auf der kräftigen Kreuzung A × B, nicht auf einer verengten Linie, und die Saatgutkosten sinken.
Wer eine Doppelkreuzung als Alternative zur Rückkreuzung anbietet, vergleicht deshalb zwei Dinge, die verschiedene Fragen beantworten: das eine bringt ein Merkmal in eine bestehende Sorte, das andere erzeugt Saatgut in Menge.
Was das Schema historisch abgelöst hat
Der zweite Anlass war die Entmannung des Samenträgers. Beim Mais sitzen männliche und weibliche Blüten auf derselben Pflanze, also muss der männliche Teil entfernt werden, damit sich die Pflanze nicht selbst bestäubt; das geschieht durch Abbrechen der Fahne an der Spitze. Später wurde dieser Arbeitsgang weitgehend durch eine Erbanlage ersetzt, die den Pollen unbrauchbar macht und die ausschließlich über die Mutterlinie weitergegeben wird – sie liegt nicht im Zellkern, sondern in der Zellflüssigkeit, und die stammt allein aus der Eizelle.
Mit einer solchen Anlage verliert die Doppelkreuzung ihren Kostenvorteil, und Einfachkreuzungen werden wieder wirtschaftlich. Das Schema ist damit nicht falsch geworden, sondern überflüssig.
Warum es auf Cannabis nicht direkt übertragbar ist
Beide Anlässe hängen an einer Pflanze, die beide Geschlechter am selben Individuum trägt und deshalb getrennt werden muss. Cannabis trägt sie überwiegend auf getrennten Pflanzen; die Kontrolle über eine Kreuzung läuft dort schlicht über das Auseinanderstellen männlicher und weiblicher Pflanzen und über eine chemisch ausgelöste Geschlechtsumkehr. Eine Erbanlage, die den Pollen über die Mutterlinie unbrauchbar macht, ist für diese Art in den geprüften Quellen nicht beschrieben.
Damit fällt der maisspezifische Grund für den Umweg weg. Was bleibt, ist die Frage nach der Kraft des Samenträgers, und die ist bei Cannabis gemessen: verengte Linien tragen ab der vierten Selbstungsgeneration zunehmend fehlgebildete Blüten, in einer über sieben Generationen verfolgten Linie 13,7 % gegenüber 0,4 % am Anfang, also mehr als das Dreißigfache. Eine Anwendung der Doppelkreuzung bei Cannabis ist bislang in keiner Arbeit beschrieben.
Ein Hinweis zur Reichweite des Schemas: Cannabis hat von jedem Chromosom zwei Stück, eines von jedem Elternteil. Bei solchen Arten stecken in einer Kreuzung genau zwei Beiträge, und die Einfachkreuzung schöpft den möglichen Zugewinn deshalb bereits aus. Bei Arten mit mehr als zwei Chromosomensätzen ist das anders, dort steigt er über mehr als zwei Eltern weiter an.